Boxes oder das Heuschreckenspiel: Die Laudatio

Ach hätten wir doch ganz viele Kobolde, die wir an ganz viele Schulen geben könnten!

Während unserer gestrigen Jury-Sitzung fühlte ich mich wiederholt an den Film „Die 12 Geschworenen“ von Sidney Lumet  erinnert. Dort sieht das Meinungsbild nach jeder von den Juroren durchgeführten Probeabstimmung anders aus. Die spotlights-Jury hat sich zwar zur Beratung nicht in einer trostlosen Kammer verbarrikadiert, die Entscheidung über die Vergabe des Bonner Kobolds ist uns aber angesichts so vieler hervorragender Theaterstücke ähnlich schwer gefallen.   

Waren wir im letzten Jahr noch im alten Griechenland unterwegs, so begann unser historischer Rückblick in diesem Jahr im 16. Jahrhundert. Luther und seine Zeit wurde in exzellenten Szenen vorgestellt. Eine großartige Büchner-Inszenierung (Woyzeck), 19. Jh., zog uns in ihren Bann. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt die Farce von Martin Walser, in der eine Figur im Hotel Mama immer auf dem Sofa rumliegt und nicht in die Puschen kommt. In gleicher Zeit geraten wir in die beklemmende Atmosphäre einer psychiatrischen Klinik, sehr authentisch gespielt. Zwei Märchenstücke, ein Broadwaymusical, ein Hexen-und Magiertanz mögen als zeitlos und immer toll eingestuft werden. Mit unserer Gegenwart konfrontierten uns drei Produktionen: Eine amerikanische Tragödie, die ein ethisches Dilemma anrührend ins Spiel setzt. Eine atemberaubende Szenencollage mit absolut perfektem Theaterspiel zeigte uns menschliche Leere, Kommunikationsdesaster, schicksalhafte Verstrickungen.  Und in die Wohnwaben der Hochhäuser, Objekte von Spekulationen geldgieriger Investoren, werden wir fast als Voyeure hineingelockt und dort Zeugen menschlicher Solidarität auf der einen und Verwerfungen auf der anderen Seite. Alle Produktionen haben es verdient eingeladen zu werden. Viele Besucher äußerten sich von anerkennend bis hellauf begeistert.

Die Jury hat sich nach intensiven Beratungen entschieden, den „Bonner Kobold“ 2017 an das Anno-Gymnasium in Siegburg zu geben. Die Produktion ‚Boxes oder das Heuschreckenspiel‘ überzeugte uns. Zur Begründung:

Besonders hervorzuheben ist die Stückauswahl, denn dieser gesellschaftskritische, aktuelle Stoff war in mehrfacher Hinsicht eine große Herausforderung. Eingerahmt durch Slam Poetry, professionell verfasst und vorgetragen von zwei Schülerinnen des Literaturkurses, entwickelt das Stück eine mitreißende Dynamik. Nicht nur sprachlich spröde, eiskalte Geschäftsdialoge mussten bewältigt werden, sondern auch die Emotionalität der Typen, die die „Boxes“ bevölkern, wurde von den einzelnen Darstellern großartig herausgearbeitet. Besonders überzeugte hier auch die sprachliche Klarheit und Genauigkeit aller Darsteller, ganz gleich ob alkoholisiert, geflucht oder juristisch argumentiert werden musste. Pointierend wirken zudem die projizierten Bilder, auch durch die eingestreuten Anspielungen auf heimische Verhältnisse ziehen die Darsteller ihre Zuschauer einmal mehr in ihren Bann. Die perfekte und schnelle Abfolge der Szenen in den einzelnen Spielorten der Simultanbühne, jeweils eine Gruppe im Spiel im Lichtkegel und alle anderen im Freeze – zum Schluss ein besonderes Lob an die „unsichtbaren“ Techniker.

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